Februar 2020 – Wenn ich noch einen lahmen Babykurs besuchen muss, sterbe ich…

OMG – wie vermisse ich unseren Pekip Kurs und das ganz banale Vereins-Kinderturnen, zu dem wir immer wieder Mittwochs mit den Familien aus halb Hamburg-Fuhlsbüttel gepilgert sind. Eine kurze Begrüßungsrunde und dann die spannendsten, variablen Aufbauten und das ganze mit dem typischen Turnhallen Duft, den ich schon aus meiner eigenen Kindheit kenne. Herrlich!

Um in Singapur schnell zu einer Routine zu finden, habe ich in den vergangenen Wochen gefühlt einen Marathon der Probestunden hingelegt. Ich war in Musik-Klassen, in denen den Kindern -ob sie wollten oder nicht- nach jeder Runde die Spielzeuge wieder entrissen wurden; in Gruppen, in denen nicht gesungen, sondern gegen die Musikanlage angebrüllt wurde; bei verschiedenen Sportkursen, in denen die Kinder nur zuhören, aber kaum Sport machen durften – Ihr erinnert Euch vielleicht-… Wir saßen in Karaoke Räumen aus den 80ern, hausten in dunklen Kellern, froren in klimatisierten Gemeinschaftsräumen….Und wenn ich noch einmal die Babysprache zu dem „TschuTschu Train“ höre, fresse ich meine Ohren. Ganz einfach.

Am passendsten -mit Abstrichen- war am Ende ein Musikkurs für Emil am Freitag, in dem die Babys eine Stunde lang die Instrumente anlecken durften, während die Kursleiterin im Hintergrund sang. Nicht perfekt, aber immerhin war der Raum schön hell und die Stimme der Kursleiterin ganz angenehm. Leider ist der Kurs nun aufgrund des vielen Herumleckens am Equipment in Zeiten der Coronakrise erstmal eingestellt. Na toll…

Und da Emil immer sehr dramatisch und inklusive Krokodils-Kullertränchen weint, wenn ihm ein Spielzeug zu früh entrissen wird, besucht nur Felix Kurs 1. Emil und ich treffen uns vorerst lieber zu freien Spielzeiten in verschiedenen indoor Einrichtungen. Allen voran dem Blue House, in dem anstatt nerviger Kindermusik Norah Jones´ beruhigende Stimme sanft aus den Lautsprechern schallt und die Babys verschiedenste Sensory Aktivitäten und Gegenstände ausprobieren dürfen. Perfekt für das Alter. Und dank regelmäßiger Begleitung durch die kleine Clara schließt Emil seine ersten Freundschaften.

Die Suche nach einem Sportkurs für Felix habe ich vorerst aufgegeben und uns stattdessen eine ganz gute Auswahl an Multisports Equipment angeschafft, die ich mir bei verschiedenen Trialstunden abgeguckt habe. Vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich mal, mit einigen anderen Müttern im Condo auf einem unserer Tennisplätze ein Nachmittagsturnen ins Leben zu rufen.

Der einzige Kurs, den Felix und ich wirklich lieben, ist der Schwimmkurs. Mit jeder Woche paddelt und taucht er besser und ich genieße die Exklusivzeit, die uns beiden inkl. traditionellem anschließenden Mittagsessen bei unserem geliebten Inder vergönnt ist.

Unser neuestes To Do neben dem Ansammeln von Probestunden ist nun, den richtigen Umgang mit unserer Helperin zu lernen….Laut unserer Agentin waren wir massiv zu nett und verständnisvoll.

Aber ich frage mich: Geht das?

Ja, das geht!

Die Frauen, die sich für die Arbeit als Haushälterin in Singapur entscheiden, tun dies freiwillig, da sie hier wesentlich besser verdienen, als sie es in ihren Heimatländern – zumeist den Philippinen oder Indonesien – könnten. Mit ihrem Lohn finanzieren sie ganze Familien im Heimatland und ermöglichen ihren Kindern den Besuch einer Schule. Dass sie von diesen getrennt sind und von einigen Arbeitgebern in Singapur oftmals falsch behandelt werden, kann man nicht bestreiten und das ist mehr als traurig.

Daher ist der größte Wunsch, den jede der Helferinnen in ihrer Bewerbung angibt: Arbeiten für Expats. Wo gewisse -hier nicht näher benannte Nationen – als die strengsten und zum Teil menschenunwürdigsten Arbeitgeber bekannt sind, wissen die Helferinnen, das Expats ein relativ entspanntes Leben bedeuten, leider aber auch unerfahren und naiv im Umgang mit den „live-in Helperinnen“, oder auch „Foreign Domestic Workers“ sind.

Doch anstatt zu ihren Wunscharbeitgebern fair zu sein, tricksen einige der Helferinnen gewaltig. Es heißt also trotz allem Verständnis für die Situation der Frauen: Vorsicht bei Tränen und wilden Geschichten, bei dem Du am Ende die Tante der Tante der Tante finanziell unterstützen sollst oder das Gehalt erneut auszahlst, da ihr ihres direkt vor dem Bankautomaten gestohlen wurde….. Im nächsten Moment verplappern sie sich nämlich leider häufig und Du suchst aufgrund des Vertrauensbruchs eine neue Helferin…

Wir haben zum Glück eine der richtigen erwischt und zumeist hapert es nur an Kleinigkeiten. So mache ich beispielsweise noch ein Gros des Haushaltes selber, da ich es seltsam finde mit den Kindern zu spielen, während jemand anderes mit dem Staubsauger hantiert. Das führt allerdings dazu, dass unsere Helferin mittlerweile gar nicht mehr putzt und mit den Kids spielt, während ich die Wäsche aufhänge…. hm…. Irgendwas läuft da falsch.

Während ich also lange, erklärende Nachrichten an unsere Agentin schreibe, lacht diese in sich hinein und sendet mir Vorlagen für Hausregeln und Wochenpläne, die wir in den nächsten Wochen vorerst täglich nachhalten sollen.

Nach intensivem Überdenken unserer Erwartungen, Ausarbeiten der Regeln und einem erstaunlich angenehmen Gespräch mit unserer Helperin geht es zum Glück rapide bergauf. Ich lerne, dass ich auch freundlich und zugleich ihr Arbeitgeber sein kann und sie, das wir es tatsächlich mitbekommen, wenn seit 4 Wochen nicht gesaugt wurde. Tatsächlich sind am Ende ob der geklärten Fronten beide Seiten glücklicher und der Haussegen ist wieder hergestellt.

Grundsätzlich erklärt uns unsere Agentin, dass das Zusammenleben mit einer Helperin stetigen emotionalen und qualitativen Wellenbewegungen unterliegt, die ein regelmäßiges Auffrischen der „weekly Plans“ nach sich ziehen, um die Arbeitsmoral zu erhalten. So streng wie unsere Agentin werden wir es sicher nicht halten, aber wir werden versuchen das Gleichgewicht aus freundschaftlichem Miteinander und klarer Linie langfristig zu verinnerlichen. Man lernt nie aus.

Am Samstag heißen wir nun den neuen Monat mit einem Abendessen im PS. Cafe am bei uns mittlerweile heißgeliebten Dempsey Hill willkommen.

Bedeutet der Februar in Deutschland zumeist tristes Grau nach bereits zu vielen dunklen Tagen, so sitzen wir hier auf der Außenterrasse des Restaurants inmitten einer grünen Oase und fühlen uns in einen Dschungel versetzt. Tatsächlich gibt einem die etwas erhabene Bauweise das Gefühl, von einem Baumhaus aus ins nächtlich beleuchtete, immer mal wieder raschelnde Grün zu blicken.

Nach mehreren Rose & Berries Sangria, den besten Burgern ever und wertvoller Zweisamkeit, genießen wir das wohl größte Stück Schokoladenkuchen, das sich ein Dessert nennt und winken kurz unseren Nachbarn einige Tischen weiter, die sich heute Nacht für das gleiche Restaurant entschieden haben. Singapur ist, wie Hamburg, ein Dorf.

Diesen Restauranttipp habe ich tatsächlich in meiner heißgeliebten „Crazy Rich Asians“ Buchreihe entdeckt, in der der Autor Kevin Kwan sehr unterhaltsam das verrückte Leben der unfassbar vermögenden „local Singaporeans“ beschreibt. Und neben der mitreißenden Story und den „Reiseführer Tipps“, lerne ich auch einiges über die Geschichte und die Traditionen.

Und noch wichtiger: über die wichtigsten Worte in Hokkien, „Singlisch“ (Singapur-Englisch) und Malay: Als nämlich einmal eine genervte Verkäuferin ihrer Kollegin „Makan“ zuzischte als sie uns bedienen sollte, entschuldigte ich mich, sie vom „Makan“ = „Essen“ abzuhalten. Schwupps, war sie mehr als nett.

Die Buchreihe ist meiner Meinung nach ein absolutes Muss für jeden, der nach Singapur ziehen oder auch einfach hier Urlaub machen möchte, lah! (Das verstehen jetzt nur Singapurer oder Buchleser)

Nachdem diese Woche gemütlich am Sonntagabend mit Pizza von den BBQ-Pizzasteinen endete, beginnen die ersten Tage der neuen Woche in unserem mittlerweile halbwegs eingeroovten Rhythmus.

Wir verausgaben uns in der abendlichen Hitze beim Tennis, ich freue mich beim Yoga über die Schönheit des botanischen Gartens (heute bekamen wir Besuch von einer Otterfamilie mit 5 Jungen), genieße meinen Kaffee und einige Lesestunden in einem meiner Favorit Cafés, der Da Paolo Gastronomia im Cluny Court.

Und während Felix nach seiner wöchentlichen Musikstunde glücklich einen frisch gepressten Orangensaft aus dem Automaten schlürft (geniale Erfindung), plane ich meine Fahrt zur Chorprobe des Soprans in neuer Location. Unseren normalen Proberaum des United World College of South East Asia können wir vorerst nicht weiter nutzen, da die Schule allen externen Gruppen den Zutritt verweigert. Eine sinnvolle Covid-19 Prävention. Wenigstens dürfen wir vorerst, wenn auch nur in dezimierter Zahl dank Trennung nach Stimmgruppen, weiter proben. Mal schauen, wie lange noch…

Am Mittwoch ist es dann endlich so weit. Meine Bucket- oder auch Löffelliste wird um einen Punkt kürzer. Wie die Meisten habe auch ich eine Liste mit Dingen, die ich in meinem Leben gemacht haben möchte, bevor ich den sprichwörtlichen Löffel abgebe. Und seit mein Vater mir als Kind regelmäßig vorgespielt hat, möchte ich Klavier spielen lernen. Leider ist das Notenlesen auf dem Weg von meinen Violinenstunden in den 90ern bis heute irgendwo verloren gegangen…das neu zu lernen gehört also leider auch dazu.

Aber wenn nicht heute, wann dann. Google befragt, Agentur gefunden, mit dem neuen Lehrer per WhatsApp mein Level und Musikrichtung abgestimmt und schon zwei Tage später steht er bei mir zu Hause, wo wir vorerst mit meinem alten Keyboard anfangen werden.

Nach der ersten „Stunde“ sagt mir meine Uhr, dass zwischenzeitlich 2,5 Stunden vergangen sind. Für Maurice scheint das normal und ok zu sein. Er meint nur trocken, dass er meistens länger macht…for free… Ich bin mehr als happy und werde mir -wenn sich das Ganze zu einem festen, wöchentlichen Termin entwickelt- wohl ein E-Piano anschaffen müssen.

Komplett platt von diesem Hirnschmalz-Marathon bin ich später am Tag froh, in meinen wöchentlichen „Culture Nachmittag“ zu starten, an dem ich es heute mal ruhig angehe, vorerst mit niemandem sprechen muss und meinem Kopf eine Pause vergönnt ist.

In meinem Tempo schlendere ich also durch den Stadtteil Kampong Glam und die Haji Lane. Schlürfe im Selfie Café mein eigenes Konterfei aus Milchschaum und genieße einige Seiten meines Buches beim Lunch.

In den nächsten drei Wochen wird Martin die meiste Zeit geschäftlich unterwegs sein, und es ist nicht schlecht ein bisschen Energie aufzutanken.


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