Mai – Monat 2 des Lockdowns

Hallo Tag der Arbeit, hallo Labour Day.

Auch in Singapur ist der erste Mai ein gesetzlicher Feiertag und Martin hat frei. Da es aber wie seit Tagen weiterhin dauerregnet und den ganzen Tag über grau in grau ist, fällt die Poolzeit heute ins Wasser. So nutzen Felix und ich die dicken Wolken stattdessen für eine kurze Runde Joggen, bzw. Rädchen fahren zum Goodwood Hill. Mein Kind darf ich als „Caregiver“ nämlich trotz der 1 Personen Regel (nach der man nicht mal mehr mit Mitgliedern des Haushaltes raus darf) begleiten….Oder in diesem Falle Felix mich.

Wir joggen die sanfte Steigung hinauf und bewundern die beeindruckenden Black and White Houses mit ihren riesigen Anwesen. Solche Oasen bewahren das Bild des alten Singapurs. Ich atme die durch den Regen feuchte und frische Luft ein und fühle mich durch den Duft der nassen Blätter und Bäume ins Hamburger Tropenhaus oder unsere Urlaube in Thailand versetzt.

Am Abend treffe ich mich virtuell auf eine neuen Quiz Runde, diesmal mit der lieben Jacin aus meinem Chor, Karen und Elaine. Die Runde ist nett und Karens Fragen als Quizmaster mal wieder sehr einfallsreich. Als ich später auf die Uhr schaue, wundere ich mich, wie wir ganze 4 Stunden verquatschen konnten ohne es zu bemerken. Erhitzt von der mittlerweile eher drückenden Schwüle springe ich noch schnell in den beleuchteten Pool und stoße mit Martin auf eine weitere, geschaffte Woche des Homestay an.

Und so unspektakulär dieser erste Maifeiertag auch verstrich, desto besser beginnt der 02. Mai: Heute hat das Government nämlich die ersten Lockerungen angekündigt. (Mir entfleucht ein kurzes Jeyyyyy!) Ab dem 05.05. dürfen wir uns wieder auf dem Condo Gelände bewegen. Ab dem 12. Mai dürfen die geschlossenen Bäckereien, Friseursalons (für Haarschnitte), Wäschereien etc. wieder öffnen. Weiterhin ist das Rausgehen allerdings auf ein Minimum zu reduzieren, und auch nach wie vor darf man dies nur alleine tun.

Trotz Dessen: Wir starten mit einem absoluten Hochgefühl in den Tag, an dem für mich nun zunächst mal die erste virtuelle Chorprobe des IFC ansteht. Nach Monaten der Pause mit unbekanntem Ende wollen wir es nun wenigstens einmal versuchen und sehen, wie das gemeinsame Singen über Zoom funktioniert.

So sitze ich also bei -Dank Dauerregen- „nur“ 29 Grad im Cardigan vor meinem Laptop und versuche mich mit den Anderen am wundervollen „Dirait on“ von Morten Lauridsen. Tatsächlich muss unser Chorleiter Marcus uns aber schon nach kurzer Zeit alle auf lautlos stellen, da das Ganze durch die Milli-Sekunden der Zeitverzögerung einfach nicht klingen will.

Da auch der darauffolgende Sonntag wettertechnisch nicht besser aussieht, spielen die Jungs drinnen, während ich wieder einige Projekte fertig nähe. Das Ziel ist halb geschafft, die Kinderstoffe sind so gut wie verarbeitet. Das Highlight des Tages folgt dann, als wir die übrig gebliebenen Packungen Milchpulver im Condo verschenken und als Dankeschön eine original verschlossene Packung Lego-Duplo und ein Stempelbuch vor der Terrassentür finden. Was für tolle Nachbarn. Die Kinder sind also bestens beschäftigt und geben mir die Möglichkeit, mich den Hausaufgaben meines Pianolehrers zu widmen. Heute: „Variations of 1ena„. Puh….

***

Und wieder beginnt eine neue Woche, die uns nur so durch die Finger rinnt… Arbeiten, Sport, Bastelprojekte für die Jungs, Essen, Schlafen….

Generell sind die letzten 6 Wochen sehr schnell vergangen. Jeder Tag fließt in den nächsten und nach jedem Montag kommt gefühlt schon ein Freitag. Eigentlich gar nicht schlecht. Insbesondere wenn man -gefühlt- unter „Hausarrest“ steht.

Und während auf der einen Seite unserer schönen Erde ein -unter Covid- ganz normaler Donnerstag anbricht, steht bei uns in Singapur wieder ein Feiertag an: Der Vesak Day – einer der größten buddhistischen Feiertage überhaupt. Und auch wenn er unter der aktuellen Situation nur zu Hause zelebriert wird, so feiern die Buddhisten der ganzen Welt an diesem Tag gemeinsam die Geburt, die Erleuchtung (Nirvana) und den Tod (Parinirvana) Buddhas.

In einer normalen, covidfreien Welt strömen auch die Gläubigen Singapurs im Morgengrauen zu den Zeremonien in ihre Tempel und überbringen als Opfergaben Blumen und Räucherstäbchen. Das Verwelken der Blüten und Herunterbrennen der Räucherstäbchen symbolisieren die Vergänglichkeit des Lebens.

Den Rest des Tages verbringen sie damit Gutes zu tun, denn es heißt, dies zahle sich um ein vielfaches höher aus, wenn es am Vesak Day geschieht: Als Symbol der Befreiung werden Vögel aus ihren Käfigen befreit, es wird Blut gespendet, Bedürftige erhalten Geldgeschenke. Die buddhistische Flagge wird gehisst und zu Lobliedern auf Buddha angestimmt. Als Symbol des letzten Mahls Buddhas kochen die Gläubigen einen Topf Milch mit Reis.

Da den Legenden zur Folge neun Drachen Wasser über den neu geborenen Prinzen vergossen haben, wird dies bei einigen Zeremonien nachgestellt. Dabei sitzt in der Mitte eines Wasserbeckens eine Figur des Buddha im Kindesalter, welcher von den Gläubigen mit Wasser begossen wird.

Ein anderes Ritual ist im Kong Meng San Phor Kark See Temple (Bright Hill Road) zu entdecken. Das Ritual der so genannten „Drei Schritte, Eine Verbeugung“ wird vollzogen, mit dem die Buddhisten alle drei Karma zugleich zu reinigen ersuchen: Körper, Geist und Rede.

Am Abend des Vesak Day kommt es dann häufig zu Lichter Prozessionen auf den Straßen.

Es ist schade, dass wir das Ganze dieses Jahr nicht miterleben können. Stattdessen aber freuen wir uns über einen durchweg sonnigen und strahlend blauen Himmel, den dieser besondere Tag mit sich bringt. Und so traumhaft dieser Alternativplan klingt, ist er auch:

Die Kids sind heute unfassbar entspannt. Während Emil schläft, lesen tatsächlich nicht nur Martin und ich beim Frühstück in Zeitschrift und Buch, sondern auch Felix. Den Rest des Tages verbringen wir komplett im Pool und unserer Loungeecke. Die Jungs essen Eis, die neue (Pool-) Rutsche, die pünktlich gestern Abend angekommen ist, wird eingeweiht. Emil spielt ganze 1,5 Stunden neben mir, während ich einfach ein wenig im Halbschatten liege und mich treiben lasse. Wenn nur jeder freie Tag so laufen könnte.

Der darauf folgende Freitag und das Wochenende vergehen, ohne dass wir genau wissen, was wir gemacht haben.

***

Als ich am Montag dann einen Videocall mit unserem Arzt habe, freue ich mich zu hören, dass zumindest für Kinder unter 1,5 Jahren Vorsorgeuntersuchungen und somit für Emil seine U6 erlaubt sind. Wir vereinbaren direkt für Donnerstag einen Termin, zu dem wir dann schnell mit dem Taxi huschen, um danach noch -ganz aufregend- durch den Supermarkt zu schlendern. Was für ein Highlight.

Um Abwechslung zu bekommen, teste ich später in dieser Woche eine neue Joggingstrecke und laufe in Richtung Goldhill, sehe mir den Park und das Gardeningprojekt der Gemeinde dort an. Zum Glück haben wir in unmittelbarer Nachbarschaft einige schöne Strecken und kleinere Parks, sodass im erlaubten Bewegungsradius keine Langeweile aufkommt, bevor dann auch diese Woche rum ist.

***

Wir haben den 17. Mai…

wieder ein Sonntag

wieder eine Woche weniger.

Von den meisten Tagen der letzten 2 Monate kann ich nicht sagen, was wir gemacht haben. Aber eins weiß ich: Heute sind es noch genau zwei Wochen bis zum „Ende“ des Lockdowns oder „Circuit Breaker“, wie diese Phase hier liebevoll genannt wird.

Bisher haben wir keine Info, wie es weitergehen soll. Sicher wird aufgrund der wenigen Fälle Einiges stufenweise gelockert werden, aber genauso sicher wird weiterhin das Meiste untersagt und die Auflagen strikt bleiben.

Unter den Bürgern gibt es mittlerweile kaum neue Infektionen. Meistens 3 +/- am Tag. Bei den Bewohnern der Dorms, den Wanderarbeitern, ist nur schleichend Besserung zu bemerken. Auf der Intensivstation oder im Krankenhaus sind wenige Betten belegt, viele Patienten bereits entlassen.

Hier zu Hause haben wir alle unseren Platz in dieser neuen Welt gefunden und meistern das permanente Aufeinanderhocken doch recht entspannt. Wir hatten noch nie so viel Zeit als Familie. Noch nie haben wir uns so intensiv aufeinander konzentrieren können. Dieses „nicht abgelenkt werden“ vom Umfeld hat uns uns gegenseitig und die Bedürfnisse der Familie intensiver wahrnehmen lassen.

Damit es so entspannt abläuft, haben wir bemerkt, dass es für alles und jeden Zeitfenster gibt… Essens- und Schlafenszeiten der Jungs sind fix. Calls, in denen Martin nicht gestört werden darf, Zoom Yogastunden, in denen möglichst kein nacktes Kind durchs Bild laufen sollte ebenso. Zeitfenster zum gemeinsamen Planschen im Pool, Zeitfenster zum Sport treiben. Good- und bad-mood Zeiten der Kids, die wir mit den passen Aktivitäten überbrücken müssen.

Kollidieren Mittagessen der Jungs und Martins Calls miteinander müssen wir das räumlich irgendwie lösen, haben wir doch nur einen Ess-/ Arbeitstisch… Immer sind alle zu Hause und jeder braucht ab und an Platz, um sich in Ruhe um seine eigenen Sachen zu kümmern. Das muss dann wieder mit dem Zeitplan der Anderen passen. Trotz Dessen müssen wir aufpassen, dass alle anderen in der Zeit nicht die Decke auf den Kopf fällt, niemand sich im Zimmer eingesperrt fühlt, da im Moment ja fast sämtliches Herausgehen nahezu verboten oder jedenfalls sehr umständlich ist. Eine echte Herausforderung bei unserem doch beschränkten Platz.

Meine Ziele laufen trotz des schon so lange andauernden Home-Stays nicht ganz so gut voran, wie gedacht. Die Tage rennen einfach so unfassbar schnell, und alles dauert irgendwie länger. Sind wir träge geworden? Dreht sich nicht nur das Leben sondern auch die Uhren gerade schneller? Familienzeit, Nähen, Piano, Sport, Bloggen….. irgendwie komme ich zu allem ein bisschen, aber zu nichts richtig. Das Los einer Mom? Oder einfach schlechte Organisation?

Wenigstens läuft das Training gut. Jeden Tag aufs Neue motiviere ich mich alleine, da die drei Jungs/Männer von vornherein auf Meuterei umgestellt und das Mitmachen schlicht verweigert haben. Das zu meinem wundervollen Familiensport Plan. So kämpfe ich mich also durch die schier unendliche Auswahl an Youtube Videos, jogge und bin froh, wenigstens einmal die Woche beim Yoga andere Gesichter zu sehen (wenn auch virtuell). Und so anstrengend es auch ist und so wenig sich trotz der Mühen am Gewicht tut: Ich bin fitter.

Das Homeschooling haben wir schon vor Langem aufgegeben. Es war eher stressig und brachte mehr Unruhe als Nutzen. Da es sich bei Felix um ein Kindergarten- und nicht um eine Schulkind handelt, können wir das guten Gewissens vertreten. Stattdessen ist er ganz in seinen kreativen und anderen Projekten aufgegangen. Wir haben unter anderem…

  • Toilettenrollen Männchen gebastelt, denen man die „Haare schneidet“
  • Ananas gezüchtet
  • die Badewanne wahlweise mit Fingerfarben oder Rasierschaum vollgematscht
  • Die Duschtüren und Fenster mit Kalkstiften verziert (geht zum Glück gut wieder runter)
  • stundenlang auf der neuen Fontänen-Wassermatte gespielt
  • gebacken
  • uns Pfeiffenputzerprojekte ausgedacht
  • aus Kartons Straßen, Häuser, Autos und Flugzeuge gebaut….

Alles im Allem glaube ich, dass die Kids (1 und 3 Jahre) die Zeit als intensive Familienzeit wahrgenommen und eher genossen haben. Allerdings nur dank unserer Helperin, die die Kinder wechselweise mit uns bespaßt hat. Ein in Singapurer Haushalten normaler Luxus, für den wir gerade in dieser Zeit mehr als dankbar sind. Müssten wir uns wie die Eltern in anderen Ländern zwischen Arbeit, Haushalt und Kindern zerreißen, wären wir gestresst. Die Kids wären gestresst und das Klima ganz anders. So ist die eingeplante gemeinsame Zeit nun aber quality Time und niemand schaut auf die Uhr, weil er doch eigentlich dringend etwas anderes für Arbeit oder Haushalt zu erledigen hat.

Und wenn wieder ein Tag vergangen ist und ich mich frage welchen Wochentag wir gerade haben, wundere ich mich auch nicht, dass die letzten 7,5 Wochen wie durch Zauberhand verschwunden zu sein scheinen.

Wie lange wird es so weitergehen? Wann dürfen wir wohl aussteigen aus diesem Leben in unserer Blase…. Wann ist es sicher und für alle vertretbar?

Bis wir das wissen, treiben wir halt weiter durch die Wochen, Tage, Stunden und Sekunden…

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