Juni 2020 – Silberstreif am Horizont

– Freiheit –

Heute ist Montag. Aber nicht irgendein Montag. Nein, das Government hat vor einigen Minuten bekannt gegeben, dass wir bereits am Freitag in die „Phase 2“ starten werden.

Phase 2….. Diese Worte sind in dieser Zeit in Singapur gleichbedeutend mit Freiheit, Glück & Perspektive… Und auch, wenn das Government die Phase 2 nun in Teil A und den späteren Teil B aufgeschlüsselt hat, so kommt schon Phase 2A einem Befreiungsschlag gleich.

Restaurants werden öffnen, Spielplätze werden öffnen. Wir dürfen bis zu 5 Personen zeitgleich zu Hause empfangen und uns „außerhalb“ bis zu einer Gruppengröße von 5 Personen treffen. Wir dürfen fern der eigenen vier Wände essen und trinken, wir dürfen den Stadtteil verlassen und uns frei bewegen. Maske und Abstand bleiben weiterhin Pflicht. Während des Essens und Trinkens darf sie aber abgenommen werden.

Was für eine unfassbare Aussicht. Sofort machen wir Verabredungen und Reservierungen klar. Nach drei Monaten des Hausarrests wird kaum jemand noch einen Moment zu Hause verweilen wollen und daher alles und jeder schnell ausgebucht sein. Und da die Sicherheitsvorkehrungen nach Singapur-Standard weiterhin hoch ist, wird es auch, wenn alle hinaus stürmen niemals crowdet oder zu eng werden.

Ich merke, wie ich den ganzen Montag nicht mehr aus dem Grinsen herauskomme, höre Jubelrufe von Balkonen und freue mich ausschließlich Nachrichten der Freude zu bekommen. Niemand regt sich über die Regularien auf. Jeder weiß, dass unser Government einen guten Job macht, und wir alle sind einfach nur dankbar für die gegebenen Lockerungen. Was brächte einem Freiheit ohne Sicherheit oder mit drohendem Rückfall? Dann lieber der langsamere „Singapur-Weg“.

Kleine Dinge….mehr brauchen wir gerade nicht, um das große Glück zu empfinden.

***

Und plötzlich rennt die Woche nicht mehr, wie doch in den letzten Monaten so erschreckend zu bemerken war…. Nein, die Zeit steht gefühlt still… Jeder Tag hat die Länge von zweien, und ich versuche die Stunden sinnvoll für einige Projekte zu nutzen.

Zwei Röcke werden genäht, ein weiterer und ein Jumpsuit vorbereitet. Ein Handrührgerät für Felix gehäkelt. Als die Schule dann noch kurzfristig für nächste Woche einen Karneval ansagt, gerate ich kurz in Stress. Woher soll ich bitte, während alles geschlossen ist, ein Kostüm für Felix organisieren… Das Thema „Die liebste Fernsehfigur“ können wir eh nicht realisieren, da Felix nach wie vor noch nie Fern gesehen hat…. Schlussendlich entscheiden wir uns also für eine Schnecke nach seinem Lieblingsgedicht und zerschneiden kurzerhand unsere einzigen Gäste-Bettlaken…

Als weitere Überbrückungsmaßnahmen räume ich auf, nähe doch noch einen Schal, besorge neue Blumen und fahre mit den Jungs nacheinander zu ihren Impfungen. Leider kann ich mir die Abende nicht mit Joggen verkürzen, da meine Knie die letzten 10 km Läufe wohl doch nicht so genial fanden wie ich. Also erstmal pausieren und die fehlenden Joggingeinheiten für diese Woche vorerst durch anderen Sport ausgleichen.

Als Felix mal wieder nach dem „Spiiiiielplatz“ fragt, wage ich einen Ausflug mit den Jungs zum Bukit Chermin Boardwalk, einem Steg, der direkt am Meer im Labrador Park beginnt und uns über das Wasser bis hin zur Keppel Bay führt. Wir spazieren durch die Harbourfront, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen und sind wieder froh hier nicht zu leben. Die Condos sehen nett aus, außer denen gibt es hier aber wirklich gar nichts. Eine eigene Stadt in der Stadt. Kühl und glatt. Und auch, wenn Singapur eine verhältnismäßig junge Stadt ist, so gibt es doch ein „wahres Singapur“ fernab dieser Retorte.

***

Täglich bemerken wir nun, wie Singapur aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Die Natur hat sich die Stadt zwischenzeitlich zurückgeholt und überall sprießt das tropische Unkraut, dem jetzt der Kampf angesagt wird. Es wird radikal getrimmt, Straßenzüge werden gesäubert und der für Singapurer Verhältnisse viele Müll eingesammelt.

Hausbewohner bringen ihre Vorgärten auf Vordermann und Geschäfte werden für ihre Wiedereröffnung hergerichtet. Unsere Perle scheint es genau so gepackt zu haben, denn schon am Mittwoch erstrahlt jeder Winkel unserer Wohnung in neuem Glanz.

Und auch in unserem Condo ist das Hissen der Segel für den Aufbruch in diese neue Phase spürbar: Die Mitarbeiter wienern und putzen, der Rasen wird gemäht, die Pools nochmal intensiv gereinigt und die Pflanzen zurück geschnitten.

Aber egal, wo man hinsieht, eins haben alle Menschen, denen wir begegnen gemein: Ein breites Grinsen im Gesicht und eine deutlich spürbare Vorfreude.

Und schon ist es Freitag…

Freitag….Was für ein schöner Tag.

Willkommen zurück im wundervollen Singapur!


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