Juni 2020 – Sommer, Sonne, Sonnenschein

Es ist Samstag, wir sitzen an einem weiß getünchten Tisch, die Wellen rauschen an den Strand und das leise Giggeln der Kids wird vom lauen Wind zu uns getragen.

Zur späten Frühstückszeit sind wir am Morgen in Richtung Sentosa aufgebrochen. DER vorgelagerten Insel, die Entspannung und eine große Ladung Vitamin D verspricht.

Strand. Generationen verbinden dieses Wort mit der unwiederbringlichen Zeit als Familie. Mit Kindheit, Freiheit und dem unbeschreiblichen Gefühl von einem Dasein ohne Zeit und Raum.

Ich erinnere die damals noch sommerlich warmen Ferien. Stundenlanges Spielen im Sand und sich treiben lassen im klaren Wasser der Ostsee. Ich erinnere mich an Stockbrot, grüne Wiesen und den Moment, wenn ich schon früh am Abend erschöpft von Sonne und Meeresluft in das weiche Bett fiel…

Und so anders die Kindheit meiner eigenen Kinder auch ist, so sind unsere Strandtage den früheren nicht unähnlich. Meine Perspektive hat sich geändert, ja. Aber das Gefühl ist noch da. Diese eine spezielle Stimmung, die nur einer bringen kann: der Sommer.

***

Ich rühre in meinem Smoothie und sinniere über die letzte Woche nach. Schön war sie. Ein ruhiger Alltag, der nur gemächlich an Geschwindigkeit aufnahm.

So jagten Martin und ich am Montagabend auf dem wiedereröffneten Platz den Tennisbällen hinterher und freuten uns über einen Abstecher in den heißen Whirlpool.

Ich zog endlich mal wieder im großen Pool meine Bahnen und verteilte ob des nicht enden wollenden Regens die Wäsche zum trocknen in der ganzen Wohnung. Leider brachte der Regen nun auch einen weiteren Anstieg der Mückenpopulation und Gefahr des Dengue Fiebers mit sich.

Und da in unserem Wohnhaus mittlerweile 15 Nachbarn an diesem hohen Tropenfieber erkrankt sind, bleiben vorerst alle Türen und Fenster geschlossen und wir versuchen den Condogarten und unsere Terrasse -die ja leider auch als unser Esszimmer fungiert- zu meiden…

Am Mittwoch dann ließen Martin und ich uns bei einer 2,5 stündigen Massageeinheit im Healing Touch Spa verwöhnen. Frisch gescrubbt und durchgewalzt aber auch hungrig schlugen wir uns im Anschluss im altbekannten Gyu-Kaku, dem japanischen BBQ, die Bäuche voll und zelebrierten unsere Zweisamkeit.

Seit mittlerweile 10 Jahren sind wir zusammen. 10 Jahre, in denen wir uns nie langweilig geworden sind. Immer hatte jeder von uns auch sein eigenes Leben. Vielleicht einer der Schlüssel für unser persönliches Glück.

Eigene Hobbies, getrennte Abende, sogar getrennte Urlaube. Freiheit und das Akzeptieren, dass der andere Dinge halt anders macht. Akzeptanz sorgt für Achtung, Achtung sorgt für Respekt. Und die Freiheit eigenes zu tun und eigene Erlebnisse und Erfahrungen zu sammeln, macht es unmöglich sich am anderen satt zu sehen.

Auch als aus uns Zweien mit der Geburt von Felix drei wurden, stand es für uns an erster Stelle weiterhin das zu sein, was uns verbindet: Ein Paar. Nie gab es eine Zeit in der wir uns als Paar vernachlässigt haben und immer legten wir großes Gewicht auf unsere wöchentlichen Dates. Wir sparten an anderer Stelle, sodass das Sparen am Babysitter nie zur Debatte stand. Vielleicht etwas egoistisch. Aber fast nichts wünscht sich ein Kind mehr als ein glückliches und intaktes Elternhaus. Man frage nur die Generation der Scheidungskinder der Geburtsjahre rund um die 80er.

Später am Abend saßen wir also mehr als satt und mehr als entspannt im Taxi vom Gyu-Kaku nach Hause. Die Kinder lagen tief schlafend in ihrem Zimmer und auch wir fielen erschöpft ins weiche Bett.

Am Donnerstag traf ich dann endlich meine Freundin Karen wieder, die ich nach langer Zeit der Isolation nicht zweimal fragen musste mit mir auszugehen. Lebt sie doch alleine, zwang Covid sie zu 2,5 Monaten fast ausschließlicher „Einsamkeit“. Da sie zudem in der Nähe eines schwer betroffenen Dormitories (eines Arbeiterheimes) lebt, wurde ihr zwischenzeitlich der Ausgang sogar komplett untersagt. So fand sie sich für 3 Wochen wie eingesperrt in ihrer kleinen Wohnung wieder. Eine Herausforderung für jeden noch so starken Charakter.

So saßen wir nun aber bei gekühltem Wein und einem Ausblick zusammen, der einen vor Freude strahlen lässt. Hoch oben auf dem Mount Faber und tief im gleichnamigen Park gelegen sahen wir über die hell erleuchtete Küste, den Containerhafen und die vielen Schiffe, die mich immer wieder an eine hell erleuchtete Stadt auf hoher See erinnern. Zu Hunderten liegen Fracht- und Arbeitsschiffe in der Strasse von Singapur. Und wo alles mit einem Handelshafen begann, ist diese Strecke noch heute eine der meist befahrenen Seewege der Welt.

Das Dusk, Bar und Restaurant, das wir heute besuchen, ist für uns beide neu. Und wie ich testet Karen gerne neues, um uns keine neuen Blickwinkel auf diese einzigartige Stadt entgehen zu lassen.

Den ganzen Tag hatte es geregnet, was uns nun eine sanfte Brise auf unserer sonst so heißen Insel zwischen Malaysia und Indonesien einbrachte. Und während ich versuchte Karens mehr als schnellem Englisch zu folgen, erhielt sie insgesamt den Titel meiner persönlichen Singapur Insiderin.

Sie kommt von der afrikanischen Insel Mauritius und hat sich in ihren mittlerweile 10 Jahren in Singapur ein umfassendes Wissen über die Lebensart der Singapurer angeeignet. Als Abkömmling chinesischer Migranten und lokaler Familien wuchs sie mehrsprachig auf und verließ, wie es auf Mauritius normal ist, zum Studium die Insel. Sie lebte in Amsterdam, verschiedenen Teilen Asiens und blieb schließlich in Singapur hängen. Ob sie einmal weiterziehen möchte, fragte ich sie. Geplant sei es nicht, Singapur ihr Zuhause. Aber man wisse nie.

Pünktlich um halb elf wurden wir dann gemäß dem aktuellen Phase 2 Reglement freundlich aber bestimmt herauskomplimentiert, was aufgrund der Ruhe der letzten Monate aber zu unserer Stimmung passt. Wir sind müde. Erst müssen wir uns alle wieder an die Geschwindigkeit des Lebens ausserhalb der eigenen vier Wände und die langen Abende gewöhnen. Und auch, wenn es noch früh an diesem Abend ist, sind unsere Münder trotz der 2 Flaschen Wein, die wir tatsächlich geschafft haben mehr als fusselig geredet und unsere Gedanken erschöpft.

So schell wir vor das Restaurant verließen, so schwer war es dann aber ein Taxi zu bekommen. Das ist tatsächlich öfter etwas müssig, wenn man sich für eine etwas abgelegenere Location entscheidet und zu einer späten Stunde nach Hause möchte. Welcher Fahrer hat schon Lust den ganzen Berg hoch und durch den Park zu gurken, wenn er dann nur umgerechnet 5 Euro für seine Fahrt einmal durch die ganze Innenstadt bekommt. Schlussendlich sind wir -wie bisher immer- zu Hause angekommen und freuen uns schon jetzt auf die nächste „Ladies Night out“. Dann hoffentlich auch wieder mit unseren Freundinnen, Jade, Shang und Luisa, die sich vorerst entschieden haben weiter den Home Stay zu pflegen, bis abzusehen ist, wohin der Corona Weg Singapur führen wird .

Am nächsten Tag nehme ich mir, wie auch letzten Freitag, einen Tag Auszeit. Und während Felix als Schnecke verkleidet zum Kita Karneval startet, frühstücken Martin und ich gemeinsam im House of Anli.

Ich schlendere durch die Stadt und suche im Stoffeladen nach den fehlenden Bauteilen für die zwei letzten Nähprojekte. Sobald diese geschafft sind, können die Nähmaschinen erstmal für lange Zeit in den Schrank und die Ordnung wieder in unserem Wohnzimmer einziehen.

Witzigerweise bemerke ich, dass es egal ist, ob Du in Hamburg oder Südostasien lebst. Frauen um Frauen schlendern durch die Regalreihen und versuchen ihre Männer für ihre Ideen und Projekte zu begeistern. Sie beratschlagen sich mit Freundinnen und fiebern mit ihren Töchtern. Wie bei vielen Generationen…überall auf der Welt.

An diesem Beispiel sehe ich mal wieder, dass meine anfängliche Sorge, in Singapur vieles nicht zu bekommen unbegründet war. Die Suche ist zwar wirklich oft etwas schwerfälliger, wenn Du dann aber weißt, wo Du suchen oder wen Du fragen musst, ist tatsächlich fast alles auffindbar. So auch Kümmel, den meine Freundin erst nach 2 Jahren und nur an einem einzigen Ort in Singapur auftreiben konnte. Zum Glück hat sie dieses Wissen schon in meinem zweiten Monat mit mir geteilt und mir so einiges an Herumrennerei erspart.

Wieder zu Hause und erschöpft vom Tag wagen wir noch eines der immer etwas wuseligen Skype Telefonate der Jungs und ihren Großeltern, bevor wir in unsere allabendliche Lesezeremonie starten.

Diesen Freitagabend lassen wir dann ruhig ausklingen, Netflixen und Nähen (ich) im Wohnzimmer.

***

Während ich diese Zeilen schreibe, landet ein neuer Kaffee vor mir und die Kinder spielen noch immer glücklich im Sand. Herrlich, das kühle Meer, in dem das Wasser des indischen Ozeans und des Südchinesischen Meeres zusammenfliessen, jederzeit in nur 20 Minuten erreichen zu können.

Als Felix später im Taxi nach Hause seinen Stadtteil und die Stadt, in der er lebt aufzählt, fällt mir auf, wie exotisch all das für meine kindlichen Ohren damals an der norddeutschen Ostsee geklungen hätte. Newton, Singapur…. Eine andere Welt, eine andere Zeit.

Als wir zu früher Nachmittagsstunde zu Hause eintrudeln und zumindest der Jüngste in den wohlverdienten Schlaf fällt, machen Martin und ich uns zu einem kurzen Bummel und dem tatsächlich ersten Hawkeressen zu zweit auf. Auf dem Weg zu Letzterem versacken wir auf einige entspannte Drinks im Summerlong am wunderschönen Robertson Quay und stellen fest, dass nach wie vor neben unserem Newton auch Rivervalley ein wundervoller Stadtteil zum Leben wäre.

Jetzt, wo das Meiste wieder geöffnet und Martin mich gerade mit einem neuen Tablet samt Tastatur überrascht hat, werde ich bestimmt öfter in einem dieser wunderschönen Cafés mit Blick auf den Kanal zu finden sein.

Währenddessen bricht unsere Perle mit den Jungs zu einer Spielverabredung bei Freunden auf. Auch deren Eltern freuen sich über einen Abend der Zweisamkeit, und warum sollen sich die Kinder zu Hause langweilen, wenn die Eltern unterwegs Spaß haben. Die beiden Helferinnen jagen also mit den wilden Kids durch das Haus, veranstalten eine Schaumschlacht in der Wanne und sorgen dafür, dass alle genug essen.

Beim Makansutra Hawker angekommen genießen Martin und ich eine vielfältige Auswahl an Gerichten, schlendern durch die Marina Bay und freuen uns, die obligatorische Waffel endlich einmal nicht mit den Jungs teilen zu müssen. Und obwohl es erst kurz nach 8 Uhr ist, glitzern die Lichter der Stadt vor dem tiefschwarzen Himmel und die Skyline spiegelt sich im ruhigen Wasser der Bucht.

Am Sonntag dann schlafen die Jungs tatsächlich einmal länger und gönnen uns einen ruhigen Start in den letzten Tag der Woche.

Diesen verbringen wir mit einem langgezogenen Frühstück bei meiner Freundin Jade und ihrem Mann Patrick. Als auch unsere gemeinsame Freundin Luisa samt Familie spontan hinzukommt, toben die insgesamt fünf Kids fröhlich durch das Haus und das Planschbecken, während wir entspannt unser Frühstück genießen. Selbstverständlich geliefert, diesmal aus der unvergleichlichen Tiong Bahru Bakery. So macht es keine Arbeit und niemand gerät in Stress.

Als wir kurz vor dem Abendessen zu Hause eintrudeln, bestellen wir schnell vietnamesische Phoon und Bun Chay, spielen und duschen die Kids. Und als kleinen Bonus für dieses schöne Wochenende sind die Jungs so müde, dass sie bereits um halb sieben in den tiefsten Schlaf fallen.

Gute Nacht Singapur.


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